Wabi Sabi oder die Kunst der gebrochenen Schönheit

Obwohl ich selbst kaum und bisher nicht so gerne stricke, finde ich aber viele Strickdesigns und Strickblogs großartig und schaue bei einigen Blogs regelmäßig vorbei, um auf dem Laufenden zu bleiben. Bei einer dieser Stippvisiten stieß ich bereits vor ein paar Monaten auf ein paar gestrickte fingerlose Handschuhe bei Fringe Assiocation.

Sie sind sehr zurückhaltend, fast schon unaufällig. Trotzdem oder gerade deshalb war ich sofort angetan, sie haben eine Schönheit inne, deren Homogenität und Schlichtheit beim Häkeln schwer zu erreichen ist. Als ich die Beschreibung der Anleitung überflog, las ich etwas von „Lehre des Wabi Sabi“ und wusste sofort, dass ich da auf etwas gestoßen war, von dem ich bislang nie gehört hatte und dem ich auf jeden Fall nachgehen musste.

Was ist Wabi Sabi?

Wabi Sabi ist eine jahrhunderte Lehre von Schönheit, bzw. eine Herangehensweise und Interpretation von Schönheit, die in Japan nie in Worten ausformuliert, sondern eher gelebt und ausgeführt wird. Deshalb findet man auf Anhieb eher wenig fundiertes Material über Wabi Sabi. Wabi Sabi entzieht sich jeder eindeutigen Definition und Versuche, das Konzept abschließend zu erkären, können eigentlich nur scheitern.

Skelett einer Hortensienblüte

Ich versuche trotzdem mal, Wabi Sabi mit ein paar Schlagworten einzukreisen, denn irgendwie sollt Ihr  ja eine Vorstellung bekommt, worum es geht:

Wie bereits gesagt, kommt Wabi Sabi aus dem Japanischen. Dabei bedeutete „Wabi“ ursprünglich soviel wie „Elend“, „Einsamkeit“, und stand für ein Gefühl der Verlorenheit. „Sabi“ hingegen bedeutete „Alter“, „Reife“, „Patina“ und war eher positiv besetzt. Erst im Laufe der Zeit schmolzen die Begriffen und die Ideen, für die sie standen zusammen, und es entwickelte sich das, was wir heute als Wabi Sabi kennen.

Holz

Es geht um die herbe Schönheit der einfachen, schlichten Dinge und des Beiläufigen. Die Schönheit des Unvollkommenen und Handgearbeiteten, vor allem auch von Gebrauchsgegenständen, dem handwerkliche Fehler innewohnen oder dessen natürliches Material fehlerhaft, vergänglich, unvollkommen ist, zB. aufgesprungenes Holz, welke Pflanzen oder der rissige Lack handgemachter Keramik. Auch Natur, Vergänglichkeit und Abnutzung und Verschmutzung spielen eine große Rolle bei Wabi Sabi genauso wie Details, die auf den ersten Blick als Fehler daherkommen, und sich auf den zweiten Blick als Besonderheit entpuppen.

Korrodierende Tonne.jpeg

Der Gedanke des Nicht-Perfekten und des Prozesshaften, des Gebrochenen gefällt mir dabei sehr. Über Wabi Sabi zu lesen, hat mich auch im Hinblick auf das Häkeln beeinflusst. Zunächst einmal die Wertschätzung des Machens und Werdens an sich, die Idee, dass man am am fertigen Objekt ruhig sehen kann und soll, dass es von Menschenhand gefertigt wurde und nicht fehlerlos ist. Vielleicht bin ich deshalb auch oft geneigt, meine Häkelsachen nicht mit Borten und Rändern auszustatten. Weil Bordüren irgendwie immer auch ein wenig den Prozess des Machens leugnen und die gemeinhin als hässlich befundenen Ränder der Häkelei, die sich ganz natürlich beim Reihe für Reihe Häkeln ergeben, vertuschen. Und deshalb finde ich vielleicht auch die Idee von Leinen und co. so schön, dass sich das Häkelstück aus Leinen, aber oft auch schon aus Baumwolle, beim Tragen und durch die Körperwärme noch verändert (wobei ich allerdings nicht Ausleiern oder Pilling meine 😉 ).

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Und last but not least habe ich in letzter Zeit meine Vorliebe für einfache Muster und Wiederholungen entdeckt, die gerne auch den Eindruck des Unregelmäßigen und Zufälligen vermitteln sollen. Sowie bei meinen letzten Dreieckstüchern, die ich aus Variationen von Luftmaschen und festen Maschen gehäkelt habe.

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Ich mag die Idee, das Häkeln ein bisschen aus dem üblichen Kontext herauszunehmen, wo sonst so oft  die Vorstellung von Perfektion und Ordnung vorherrscht. Und Perfektion, das muss ich gestehen, passt eigentlich gar nicht so zu mir. Das Thema Wabi sabi und überhaupt alternative ästhetische Konzepte ist für mich jedenfalls noch lange nicht erledigt.

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