Kreativer Workflow

In meinem Schaffensbereich der langsamen Handarbeiten (Häkeln, Stricken, Weben) und textilen Gestaltung kommt man ja leider immer nur langsam voran. Wenn man sich dieser Tätigkeit widmen will, muss man ein gewisses Maß an Geduld aufbringen, sonst schafft man es nicht über die Topflappen hinaus. Schals, Pullis, Decken, Teppiche, Wandbehänge – arbeiten mit Wollen dauert. Natürlich gilt das für viele kreative Bereiche, ob man nun eine pointillistische Zeichnung anfertigt, eine Installation oder Performance entwickelt, einen Song schreibt oder gar ein Buch – das alles dauert.

Wenn die Ideen drängen, frustriert mich das manchmal ganz schön. Gerade arbeite ich an einem großen Projekt für mein nächstes Buch, tunesisch gehäkelt auch noch, es dauert und dauert und es warten noch 19 andere Projekte auf mich. Während ich dasitze und wie der Teufel häkle, kommen mir ja oft noch ganz andere Ideen, was ich alles machen könnte. Typisch ist für mich, dass ich dann sofort anfange, online nach passendem Material für das Projekt zu suchen, obwohl ich genau weiß, dass ich jetzt wochenlang erstmal überhaupt keine Zeit haben werde, daran zu arbeiten. Ich bin da dann der Typ Sammlerin: die Wolle für all die Projekte, die mir im Kopf rumschwirren, ist schnell besorgt, die Zeit, das alles zu häkeln, GIBT es aber gar nicht. Die kann ich mir auch nicht besorgen, oder hier und da abzwacken. Der Tag hat nur 24 Stunden, ich habe zwei Kinder und auch noch andere Verpflichtungen und es ist unmöglich, alles umzusetzen, was ich mir vorstelle. Es dauert immerhin bei diesem aktuellen Projekt 7.5 Minuten, bis ich nur eine Reihe gehäkelt habe. In dreißig Minuten schaffe ich sage und schreibe 4 Reihen, in einer Stunde 8. Ich notiere mir in dieser Zeit zahlreiche Einfälle, weiß aber schon, dass die allermeisten niemals realisiert werden können.

Nun kann man sagen, dass ich mich glücklich schätzen kann, so viele Ideen zu haben, also sozusagen Ideen im Überfluss. Und witzigerweise ist es ja gerade diese Dauer, der handwerkliche, zeitumspannende Aspekt des Häkelns, der mir hier erlaubt, die Gedanken schweifen zu lassen und mir Neues vorzustellen und auszudenken.

Kein Wunder eigentlich, dass so viele StrickerInnen und HäklerInnen (und auch KünstlerInnen) mehrere Projekte parallel laufen haben, um der Ideen „Herr“ zu werden. Für mich funktioniert das nicht. Mich macht es schon fertig, nur ein Projekt auszuführen und noch eines in der gedanklichen Warteschleife zu haben. Jedes Mal, wenn ich versucht habe, zwei Stücke gleichzeitig im Projektkorb zu haben, zog eines davon den Kürzeren und wurde früher oder später entweder aufgeribbelt – oder liegt immer noch irgendwo halb angefangen herum. Wenn ich mehrere Sachen bearbeite, dauert es ja auch NOCH länger, bis die fertig sind und ich endlich wieder etwas Neues anfangen kann. Das halte ich nicht aus. Immer schön eines nach dem anderen, das kann mein ungeduldiger Geist irgendwie noch handeln, und das Ende des Projektes ist absehbar. Diese Ungeduld und mein Bedürfnis, etwas abzuschließen und Neues anfangen zu können, ist bestimmt auch ein Grund dafür, dass ich so gerne patchworke: Meine größeren Projekte, vor allem die Decken, bestehen meistens aus kleineren Motiven, die ich zu etwas Großem zusammfüge. Ich glaube, ich brauche das kleinschrittige Erfolgserlebnis, etwas abzuschließen, „fertig“ zu sein, sonst verliere ich die Geduld und die Lust.

Welcher Typ bist Du, welchen kreativen Workflow hast Du? Arbeitest Du an mehreren Sachen gleichzeitig, oder machst Du lieber eins nach dem anderen?

 

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